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Wer in die SPS-Programmierung einsteigen will, stellt sich früher oder später dieselbe Frage: Brauche ich ein Studium — oder reicht eine Ausbildung mit Praxis und Weiterbildung? Die ehrliche Antwort lautet: Beides kann funktionieren. Entscheidend ist nicht nur der formale Abschluss, sondern wie gut jemand Systeme versteht, sauber denkt, unter realen Bedingungen diagnostiziert und technische Verantwortung übernimmt.
Dieser Artikel vergleicht beide Wege nüchtern: nicht als Prestige-Frage, sondern als Berufsentscheidung. Ziel ist ein realistisches Bild für Deutschland, Österreich, die Schweiz und deutschsprachige Fachkräfte allgemein.
1) Die kurze Antwort
Wenn Sie SPS-Programmierer werden möchten, ist ein Studium nicht zwingend erforderlich. Viele gute SPS-Fachkräfte kommen aus:
- Elektrotechnik-Ausbildungen
- Mechatronik
- Automatisierungstechnik
- Industrieelektrik / Betriebstechnik
- Techniker-Weiterbildungen
Ein Studium kann trotzdem sinnvoll sein — vor allem, wenn Sie später stärker in Planung, Systemarchitektur, Projektleitung oder komplexe Integrationsprojekte hineinwollen.
Ausbildung
Schneller, praxisnäher, oft direkter Bezug zur Anlage und Instandhaltung.
Studium
Breiter theoretischer Unterbau, oft besserer Zugang zu Engineering- und Projektrollen.
Praxis
In der SPS-Welt zählt nach einigen Jahren oft mehr, was Sie tatsächlich können, als nur der Startweg.
2) Was macht ein SPS-Programmierer überhaupt?
Bevor man Ausbildung und Studium vergleicht, muss klar sein, worum es im Beruf geht. SPS-Programmierung ist nicht einfach „etwas Code schreiben“. In der Praxis umfasst der Beruf je nach Stelle:
- Steuerungslogik erstellen und testen
- Sensoren, Aktoren und Signale verstehen
- HMI/SCADA-Bedienbilder mitdenken
- Störungen analysieren und Fehlerbilder einordnen
- Mit Netzwerken, Antrieben, Safety und Inbetriebnahme arbeiten
- Mit Elektrik, Mechanik und Betriebspersonal kommunizieren
Wer nur „Programmierung“ hört, unterschätzt oft den Anlagenbezug. Gute SPS-Arbeit ist immer auch Systemverständnis.
Passend dazu: Was ist eine SPS? · SPS programmieren lernen · Sensoren und Aktoren
3) Der Weg über die Ausbildung
Typische Ausbildungsnahe Einstiege
- Elektroniker für Automatisierungstechnik
- Elektroniker für Betriebstechnik
- Mechatroniker
- Industrieelektriker mit starkem Praxisbezug
- Techniker-Aufbau nach Berufserfahrung
Stärken dieses Weges
- Praxisnähe: Sie sehen früh, wie Anlagen wirklich funktionieren.
- Signalverständnis: Verdrahtung, Sensorik, Aktorik und Diagnose werden oft besser „gefühlt“.
- Direkter Bezug zum Betrieb: Was ist robust? Was ist wartbar? Was nervt später die Instandhaltung?
- Schneller Berufseinstieg: Früher reale Erfahrung, früher Geld verdienen.
Mögliche Grenzen
- Späterer Einstieg in stark planerische oder akademisch geprägte Rollen kann schwieriger sein.
- Bei manchen Arbeitgebern ist ein Studium formal weiterhin ein Türöffner für bestimmte Positionen.
- Ohne Weiterbildung bleibt man manchmal zu lange auf „Anlagenebene“, obwohl mehr Potenzial vorhanden wäre.
Wichtig: Diese Grenzen sind nicht absolut. In der Praxis gibt es viele exzellente SPS-Fachkräfte ohne Studium, die durch Erfahrung, Weiterbildung und Projekterfolge sehr weit kommen.
4) Der Weg über das Studium
Typische Studienrichtungen
- Elektrotechnik
- Automatisierungstechnik
- Mechatronik
- Maschinenbau mit Automatisierungsbezug
- Industrial Engineering / Systems Engineering (mit passendem Praxisanteil)
Stärken dieses Weges
- Breiteres Theoriegerüst: Regelung, Systemdenken, Architektur, Schnittstellen.
- Einfacherer Zugang zu Engineering- und Projektrollen
- Besserer Start in komplexe Integrationsumgebungen (z. B. HMI/SCADA, OT/IT, Safety, Planung)
- Oft höheres Einstiegslevel in größeren Unternehmen
Mögliche Grenzen
- Weniger Praxisnähe, wenn das Studium kaum reale Anlagenarbeit enthält
- Man versteht Modelle und Prinzipien, aber nicht automatisch echte Inbetriebnahmen
- Manche Berufseinsteiger überschätzen ihren Marktwert, wenn praktische Diagnoseerfahrung fehlt
Ein Studium ist also kein Automatismus für „besser“. Ohne reale Systempraxis bleibt es in der Automatisierung oft unvollständig.
5) Was Arbeitgeber in der Praxis oft wirklich sehen wollen
In Stellenausschreibungen steht häufig viel. Im echten Auswahlprozess zählen aber meist diese Fragen:
- Kann die Person logisch und sauber denken?
- Versteht sie Sensoren, Aktoren, Signale und Verriegelungen?
- Kann sie Fehler systematisch eingrenzen?
- Kommt sie mit HMI/SCADA, Netzwerken und Antrieben zurecht?
- Bleibt sie bei Inbetriebnahme und Störungen ruhig?
- Dokumentiert sie verständlich?
Genau deshalb sind viele gute SPS-Programmierer nicht die mit dem „größten Titel“, sondern die mit dem besten Zusammenspiel aus Denken, Praxis und Disziplin.
Relevant: SCADA und HMI · Industrielle Netzwerke · Störungsdiagnose
6) Gehalt: macht der Bildungsweg sofort einen großen Unterschied?
Kurzfristig: ja, oft etwas. Langfristig: nicht zwingend entscheidend. Ein Studium kann beim Einstieg häufig ein höheres Anfangsgehalt oder einen „besseren Titel“ bringen. Nach einigen Berufsjahren verschiebt sich die Bewertung jedoch oft in Richtung:
- Welche Projekte haben Sie gemacht?
- Wie komplex waren Ihre Systeme?
- Haben Sie Inbetriebnahmen, Diagnose und Verantwortung übernommen?
- Können Sie eigenständig Probleme lösen?
Wer mit Ausbildung startet, aber konsequent Erfahrung und Weiterbildung sammelt, kann in der SPS-Welt finanziell sehr gut aufschließen.
Dazu passend: Was verdient ein SPS-Programmierer?
7) Weiterbildung: der eigentliche Gleichmacher
Der wichtigste Punkt in dieser ganzen Debatte ist oft nicht Ausbildung oder Studium, sondern was danach passiert.
Besonders wertvoll sind in der SPS-Welt Weiterentwicklungen wie:
- Praxis mit Siemens TIA / S7, Beckhoff TwinCAT oder Codesys
- HMI/SCADA-Projekte
- Feldbus / Industrial Ethernet / OT-Netzwerke
- Safety-Integration
- Inbetriebnahmen und reale Störungsanalyse
- Dokumentation, Abnahmen, Kundenkommunikation
Anders gesagt: Der Weg beginnt mit Ausbildung oder Studium — entschieden wird er durch Praxis und Weiterbildung.
8) Für wen ist Ausbildung der bessere Weg?
- Sie wollen früh praktisch arbeiten
- Sie lernen lieber an echten Anlagen als in theoretischen Modellen
- Sie haben Freude an Diagnose, Verdrahtung, Inbetriebnahme und Betrieb
- Sie wollen sich später gezielt hocharbeiten oder einen Techniker anschließen
9) Für wen ist Studium der bessere Weg?
- Sie wollen eher in Engineering, Systemarchitektur oder Projektleitung hinein
- Sie mögen abstrakteres technisches Denken und längere Ausbildungsphasen
- Sie möchten formale Türen offenhalten, auch außerhalb klassischer SPS-Rollen
- Sie zielen auf größere Konzerne, komplexe Integrationsprojekte oder internationale Projektstrukturen
10) Häufige Missverständnisse
„Ohne Studium kommt man nicht weit.“
Falsch. Viele kommen sehr weit — besonders, wenn sie technisch sauber arbeiten und echte Systemverantwortung übernehmen.
„Mit Studium ist man automatisch besser.“
Ebenfalls falsch. Theorie ersetzt keine Inbetriebnahme, keine Fehlersuche und keine robuste Anlagenpraxis.
„SPS ist nur Code.“
Nein. SPS-Arbeit ist immer auch ein Beruf des Verständnisses von Anlagen, Signalen, Verriegelungen und realen Abläufen.
11) Ein pragmatisches Fazit
Wenn Ihr Ziel lautet, ein guter SPS-Programmierer zu werden, ist die entscheidende Frage nicht nur „Ausbildung oder Studium?“, sondern:
Wo lernen Sie am wahrscheinlichsten sauberes Denken, echte Praxis und technische Disziplin?
Für viele ist die beste Antwort:
- Ausbildung + starke Praxis + gezielte Weiterbildung
Für andere ist sinnvoll:
- Studium + möglichst viel reale Praxis frühzeitig parallel
Beide Wege können zu sehr guten Karrieren führen. Wer langfristig erfolgreich ist, verbindet Systemdenken mit echter Anlagenrealität.
Weiterführende Artikel
- Was ist eine SPS (PLC)?
- SPS programmieren lernen — strukturierter Einstieg
- Was verdient ein SPS-Programmierer?
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- Industrielle Netzwerke
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- Funktionale Sicherheit vs. IT-Sicherheit
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