Technik erklärt

Störungsdiagnose

Ein Denkmodell für strukturierte Fehlersuche — ohne Rätselraten, ohne Aktionismus.

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Warum Diagnostik oft scheitert

In vielen Anlagen passiert bei einer Störung zuerst das Gleiche: Es wird hektisch, mehrere Personen ändern gleichzeitig Dinge, und am Ende weiß niemand mehr, was das Problem war oder warum es plötzlich wieder funktioniert.

Gute Störungsdiagnose ist das Gegenteil: ruhig, strukturiert, nachvollziehbar. Ziel ist nicht „schnell irgendwas probieren“, sondern den Fehler auf eine klar prüfbare Hypothese zu reduzieren.

Das zentrale Denkmodell: Signal → Logik → Wirkung

Fast jede Automatisierungsstörung lässt sich in drei Teile zerlegen:

1) Signal

Kommt die Information aus der Anlage korrekt an? (Sensor, Messwert, Status, Kommunikation)

2) Logik

Trifft die Steuerung die erwartete Entscheidung? (SPS-Logik, Interlocks, Sequenzen, Parameter)

3) Wirkung

Setzt die Anlage den Befehl korrekt um? (Aktor, Ventil, Antrieb, Mechanik, Mediumversorgung)

Dieses Modell ist bewusst simpel — und genau deshalb effektiv. Es zwingt Sie dazu, das Problem lokal zu verorten, statt „alles gleichzeitig“ zu verdächtigen.

Schrittfolge: So wenden Sie das Modell an

  1. Symptom sauber beschreiben: Was genau ist falsch? Seit wann? Unter welchen Bedingungen?
  2. Grenzen setzen: Welche Funktion ist betroffen? Welche Linie/Maschine/Station?
  3. Signal prüfen: Stimmen Sensoren/Messwerte/Status? Gibt es Kommunikationsalarme?
  4. Logik prüfen: Welche Bedingungen verhindern den Schritt? Welche Interlocks sind aktiv?
  5. Wirkung prüfen: Wenn der Ausgang aktiv ist: bewegt sich der Aktor? Gibt es Druck/Power?
  6. Hypothese formulieren: „Wenn X, dann Y“ — und dann gezielt testen.
  7. Änderungen dokumentieren: Was wurde geändert? Was war der Effekt?

Typische Fehlerklassen (damit Sie schneller einsortieren)

Viele Störungen wiederholen sich in Mustern. Wenn Sie diese Klassen kennen, reduzieren Sie die Suchfläche deutlich.

1) Sensorik / Signalqualität

2) Kommunikation / Netzwerk

3) Logik / Sequenz / Interlocks

4) Aktorik / Mechanik / Medien

Die wichtigste Frage in der Praxis

Wenn Sie nur eine Frage stellen dürften, dann diese: „Ist der Ausgang aktiv, aber die Wirkung fehlt — oder ist der Ausgang nicht aktiv?“

Diese Frage trennt sofort:

Ein Mini-Checkblatt (so kurz wie möglich, aber nützlich)

Vor Ort

Medien ok? (Druckluft/Hydraulik) · Not-Halt? · Schutzkreis? · Sichtprüfung Kabel/Stecker · mechanische Blockade?

In der SPS/HMI

Eingänge plausibel? · Schrittkettenstatus? · Interlocks aktiv? · Ausgang aktiv? · Alarmtexte/Fehlercodes?

Im Netzwerk

Gerät erreichbar? · Diagnose am Switch/Port? · Telegrammfehler? · doppelte Adressen?

Gute Diagnostik ist auch Prozess

Technisch kann man viel „fixen“. Aber dauerhaft stabil wird es nur, wenn Diagnostik als Prozess verstanden wird:

Fazit

Struktur schlägt Geschwindigkeit. Mit dem einfachen Modell Signal → Logik → Wirkung reduzieren Sie Störungen systematisch auf eine prüfbare Ursache. Das spart Zeit, vermeidet Nebenwirkungen und macht Anlagen langfristig stabiler.


Glossar

Interlock

Bedingung, die erfüllt sein muss, bevor ein Schritt/Aktor freigegeben wird.

Schrittkette

Sequenz von Zuständen/Schritten, die nacheinander abgearbeitet werden (typisch in Automatisierung).

Signalqualität

Stabilität und Plausibilität eines Messwerts oder Eingangssignals (z. B. keine Sprünge/Dropouts).

Hypothese

Gezielte Annahme („wenn X, dann Y“), die man durch Test/Messung bestätigen oder widerlegen kann.

Wirkung

Physische Reaktion der Anlage (Bewegung, Druck, Durchfluss), die aus einem Ausgangsbefehl resultiert.

EMV

Elektromagnetische Verträglichkeit: Störungen, die analoge/digitale Signale beeinflussen können.


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